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Ist der Mensch ein Wahrheitsvorhersagesystem – und was hat das mit Politik zu tun?

Was ist Wahrheit? Der Begriff der Wahrheit ist in der Philosophie ein weites Feld, darüber wurden schon viele dicke Bücher geschrieben. Doch keine Angst, ich definiere hier Wahrheit als das, was der Einzelne jeweils für wahr haben will. Beginnen wir auf einer ganz niederen Ebene unseres Bewusstseins. Der Mensch macht ständig Vorhersagen über das, was der Fall sei. Das fängt schon damit an, dass jemand den Lichtschalter betätigt, weil er es hell haben will. Die Vorhersage lautet hier: Lichtschalter betätigen hat Helligkeit zur Folge. Nun wird die Vorhersage ganz automatisch mit der Realität abgeglichen. Ist es hell geworden, OK, Vorhersage eingetroffen. Das Vorhersagemuster verfestigt sich. Bleibt es dunkel, werden weitere Vorhersagen getroffen: Stromausfall, Sicherung herausgesprungen, Lampe defekt. Auch diese Vorhersagen werden mit der Realität abgeglichen und so geht das weiter, den ganzen Tag, ständig. Wir merken das gar nicht, es läuft automatisch im Hintergrund ab. In der Neurowissenschaft nennt man das ″Preditive Coding″ und ist relativ gut untersucht. Wahr ist auf dieser Ebene die Vorhersage, die sich im Realitätscheck behaupten kann. Doch was ist mit abstrakteren Dingen, die keinen unmittelbaren Realitätscheck erlauben? Hier greifen Ersatzmechanismen, die allerdings weniger gut funktionieren. Solche Ersatzmechanismen können sein: Persönliche Erfahrungen oder geschichtlich vermittelte Erfahrungen, zum Beispiel weiß jeder – oder sollte es zumindest wissen – dass kommunistische und nationalsozialistische Ideen üble politische Konsequenzen haben können. Aber auch tief sitzende moralische oder religiöse Überzeugungen können hier eingreifen – manchmal zu recht und manchmal zu unrecht. Bei vollkommen abstrakten Dingen, wie der Mathematik oder der Logik wurden interne Regeln erkannt, diese können dann angewandt werden, insofern man entsprechend geschult ist. Das funktioniert dann wieder ziemlich gut. Die Neurowissenschaften geben uns starke Hinweise darauf, dass das menschliche Gehirn auch auf abstrakteren Ebenen in dieser Weise wie eine Wahrheitsvorhersagemaschine funktioniert. Bekannte neurowissenschaftliche Forscher auf diesem Gebiet sind zum Beispiel Antonio Damasio oder auch Karl Friston.
Eine künstliche Intelligenz arbeitet übrigens so ähnlich: Sie bestimmt anhand ihrer Trainingsdaten mithilfe statistischer Mustererkennung, was in diesem Sinne wahrscheinlich wahr ist. Diese ‚Realität‘ besteht für die KI allerdings immer nur aus gespeicherten oder online recherchierten Daten – sie besitzt keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit selbst.
Doch was hat das mit Politik zu tun? Nun, so gesehen können wir zum Beispiel eine politische Ideologie als Halluzination definieren. Eine Halluzination ist in der KI – Welt etwas, das die KI vorhersagt, aber keinem Realitätscheck unterliegt. Der menschliche Ideologe dreht frei und produziert am laufenden Band ″Wahrheit″, aber ohne Realitätsüberprüfung. Ideologisches Denken ist sehr gefährlich, man könnte meinen, es hat mehr Unheil über die Menschen gebracht, als die Pest und die Cholera zusammengenommen. Welche Forderungen müssen wir nun an das menschliche politische Denken stellen, um das zu adressieren? Ganz unterbinden wird man die Fallstricke des Denkens wohl nicht können.
Zum einen ist selbstverständlich die Realitätsprüfung immer einzufordern, wo immer und so oft es geht. Zum Beispiel hätten die angehenden Marxisten zunächst eine bestimmte Forderung erheben müssen: Nämlich dass die Behauptung, dass das menschliche Bewusstsein Produkt der Produktionsverhältnisse ist, einer empirischen Prüfung zu unterziehen sei. Dann wäre uns viel erspart geblieben. Es gibt manchmal aber auch einen anderen Weg. Erinnern wir uns an die Mathematik und die Logik, Die kommen auch ohne empirische Prüfung aus, weil sie internen Regeln folgen. Es kommt nun darauf an, solche internen Regeln für das politische Denken zu finden. Ich meine völlig abstrakte Regeln, frei von jeglicher Weltanschauung. Ja, die gibt es und ich glaube solche gefunden zu haben. Die erste Regel erfüllt die Aufgabe ganz gut. Sie ist frei von jeglicher Weltanschauung und sie ist kategorisch. Das bedeutet, sie gilt immer, ohne Ausnahme. Allerdings kann sie nur Falsches erkennen, sie kann nicht sagen: Das ist richtig. Und was nicht falsch ist, muss noch lange nicht richtig sein. Aber das ist immerhin doch schon mal was. Die anderen Regeln sind hypothetisch, dass bedeutet, sie gelten nicht immer, aber doch meistens. Außerdem sind sie weltanschaulich nicht ganz neutral, aber fast.
Bevor ich zu der besagten ersten kategorischen Regel komme, noch ein paar Worte zur zweiten Regel. Ich habe diese bereits formuliert und angewandt. Die zweite Regel besagt, dass alle politischen Forderungen in klarer, verständlicher Sprache mit Hilfe logisch und sachlich geklärter Begriffe empirisch evident begründet sein sollen. Das geht nicht immer, aber da wo es möglich ist soll man das tun. Alles, was politisch im weitesten Sinne daherkommt und das nicht tut, obwohl es möglich ist, soll man eher skeptisch betrachten. Angewandt habe ich diese Regel auf meine eigenen politischen Einlassungen hier, indem ich diese neurowissenschaftlich eingebettet habe. Die Neurowissenschaften ihrerseits arbeiten auf empirischer Grundlage.
Doch nun zur ersten kategorischen Regel. Diese ist ziemlich abstrakt und nicht leicht zu verstehen. Die Kurzfassung geht so:
Aus logischen Gründen kann es nur drei absolute ideelle Prinzipien geben: Gott, Vernunft und Wille. „Absolut“ bedeutet in diesem Zusammenhang „uneingeschränkt durch anderes“.
Die uns erscheinende Welt ist vielfältig und in sich widersprüchlich. Etwas kann von uns nur gedacht oder wahrgenommen werden, wenn es etwas anderes nicht ist. Deshalb ist es schwierig, etwas zu finden, das auf ″alles″ passt. Inhaltsleere Prinzipien wie z. B. ″Sein″ scheiden aus, da von ihnen nichts Inhaltliches abgeleitet werden kann, auch wenn manch anderer das Gegenteil behauptet. Doch für genau drei Prinzipien gilt das nicht. Das erste Prinzip ist Gott. Gott wird als ein absolutes einheitliches und unendliches Wesen gedacht. Da Gott reine Einheit ist und keine Widersprüche an sich zulässt, ist Gott allumfassend, er ist immer und überall. Da er reine Einheit ist, können wir ihn nicht direkt erkennen, da wir, wie ausgeführt, nur etwas erkennen können zu dem es etwas gibt, was es nicht ist. Der Begriff „Gott“ ist jedoch nicht inhaltsleer, er bekommt seinen Inhalt durch das, was in den jeweiligen Religionen und Philosophien über ihn gedacht wird. Das Prinzip Gott hat im politischen Raum eine große Bedeutung. Gottesstaaten und Staaten von Gottes Gnaden sind deswegen relativ stabil, sie hielten sich im Abendland immerhin vom Frühmittelalter bis in die mittlere Neuzeit und es gibt sie auch heute noch im islamischen Raum.
Kommen wir zum zweiten Prinzip. In den westlichen Ländern, dem sogenannten ″Abendland″, hat man sich aus guten Gründen im Zuge der Aufklärung entschieden dem absoluten Prinzip „Gott“ nicht mehr zu folgen, und stattdessen das Prinzip „Vernunft“ als absolut zu setzen. Die Vernunft hat die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung, sie ist als einziges menschliches Vermögen fähig, sich selbst zu kritisieren. Die Vernunft kann aus sich selbst heraus urteilen, sie kann sich aus bestimmten Bereichen ganz heraushalten, sie weiß aus sich selbst heraus um ihre eigenen Unzulänglichkeiten, die Vernunft begrenzt sich selbst. Die Vernunft ist auch universell, denn jeder Mensch hat dieselbe Vernunft, wenn auch inhaltlich verschieden ausgeprägt. Die Vernunft hat einen Inhalt in dem, was jeweils gedacht wird. Die Vernunft taugt somit als absolutes Prinzip. Im Zuge der Renaissance und erst recht der Aufklärung vollzog die westliche Kultur eine dramatische Änderung ihres politischen Selbstverständnisses und ihrer politischen Organisationsstruktur, indem sie das absolute Prinzip Gott durch das absolute Prinzip Vernunft ersetzte. Das dritte Prinzip, den Willen, lassen wir jetzt mal weg, das kommt in einem späteren Video.
Was bedeutet das jetzt konkret? Wenden wir diese Regel auf ideologisches Denken an. Nehmen wir mal den Marxismus. Er setzt gleich zwei Prinzipien quasi absolut. Einmal, behauptet er ein Prinzip, das weltgeschichtlich notwendigerweise zum Kommunismus führen soll. Dieses Prinzip, das ich hier als dialektischen Materialismus bezeichne, hat Marx von Hegel übernommen. Hegel nennt seine ″Entdeckung″ den ″universalen Weltgeist″. Absolut ist dieses Prinzip, weil es uneingeschränkte Gültigkeit für sich beansprucht, Zufall, menschliches Handeln usw. spielen nur eine untergeordnete Rolle, sie regeln nur die Details, aber nicht die Sache an sich. Zum zweiten behauptet der klassische Marxismus, der Mensch sei ausschließlich Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse und damit beliebig formbar. Auch hier sehen wir wieder eine Absolutsetzung eines Prinzips, dass sich dafür gar nicht eignet. Der Ausgang dieser Ideologie ist bekannt. Es gibt aber auch neuere Beispiele: Michel Foucault ist eine zentrale Figur des Poststrukturalismus und hatte einen großen Einfluß auf die politische Linke. Sein absolutes Prinzip, nämlich dass ″alles″ durch Machtverhältnisse bestimmt sei, trägt in der Folge zu den Absurditäten von Wokeness, Gender-Mainstreaming, Postkolonialismus usw. bei. Es ist nun wohl so, dass absolute Prinzipien politischen Weltanschauungen und Ideologien ein hohes Durchsetzungspotential verleihen. Diese enden dann, insofern sie nicht auf Gott, Vernunft oder Wille basieren, in einer Tragödie oder in einer Farce. Natürlich kann auch etwas, dass sich auf Gott, Vernunft oder Wille beruft, unglaublich schiefgehen. Wie gesagt, die erste Regel sagt nicht ″Etwas ist richtig″, sie sagt nur ″Etwas ist falsch″. Man kann am Beispiel des Nationalsozialismus auch sehen, dass die erste Regel nur bei systematisch gedachten Ideologien greift. Der Nationalsozialismus war im Gegensatz zum Marxismus eine plumpe emotional gesteuerte Ideologie ohne philosophischen Überbau. Er war ein grober Klotz, gegen den ein Seziermesser, wie die erste kategorische Regel wenig ausrichten kann.
Zusammengefasst: Wenn wir politisch besser denken wollen, sollten wir unsere Überzeugungen ständig kritisch mit der Realität überprüfen, also Realitätschecks durchführen und – wo immer möglich – klare interne Regeln beachten. Damit schützen wir uns vor den schlimmsten Auswüchsen ideologischen Denkens.

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